SCHAURAUSCH | 2009

Installation

Sculptures

In the name of LINZ, Austria, being the European Capital of Culture & OK Center for Contemporary Art in 2009, the city center of Linz was transformed into a living art mile by 50 different artists. Topics: art, advertisement and consumption.

(More info: https://www.e-flux.com/announcements/40392/schaurausch-art-in-50-shop-windows/ and https://www.ooekulturquartier.at/events/schaurausch-kunst-in-50-schaufenstern/ )

Excerpt from SCHAURAUSCH catalogue:

Konsumterror mit gratis Dowload-Garantie hinterlässt zumeist die glücklicheren Kunden.

“Der einfachste surrealistische Akt ist, auf die Strasse zu gehen und irgendjemand niederzuschiessen”, schrieb André Breton. Es gehe, meinte 1971 der Theoretiker W.F. Haug, viel einfacher: “Der einfachste surrealistische Akt ist es, in ein Geschäft zu gehen und zu kaufen, was man nicht brauchen kann.” Hilde Kentane kombiniert ein aus der Warenwelt übernommenes Sprach- und Figurenarsenal mit surrealistischer Direktheit. Auf einen Pappteller malt sie einen Konsumenten mit Pistole am Kopf. Der Werbeslogan “Shop For Yourself” krönt die Szene. Hier kommt nicht der “Konsumterror” an den Pranger, sondern die Manipulation der Konsumenten mit sprachlichen Mitteln.

Wer sich im Coiffeurgeschäft von “Rosa Vogel” die Haare schneiden lässt, erhält etwas zu trinken serviert. Wer sich die beiden von Hilde Kentane gestalteten Auslagen betrachtet, erhält auf Papptellern den Schein serviert, auf den man in der Warenwelt für gewöhnlich hereinfällt. Der Spruch “MIT GROSSEM GEWINNSPIEL – CHLORFREI 100%” wird ergänzt durch die Darstellung eines grinsenden Hasen mit einem blauen Ohr im chlorfreien T-Shirt. Der Schein verspricht 100prozentiges Glück. “GEWINNEN SIE” zeigt einen kindhaften Affenkopf, der die Lippen zu einer überdimensionierten Öffnung stülpt. Der Schein liest einem die Wünsche von den Lippen ab. Im Pappteller “When FASHION means RESPECT” bekommt ein kleiner, nackter Mann einen blauen Stiefel über den Kopf verpasst. Die Warenwelt ist hier weder einfühlsam noch respektvoll. “MIT GRATIS DOWLOAD” zeigt, wie ein blauer Hund mit roten Ohren einen Teil des Tellers vollpinkelt. In “MORE SPORT FOR YOUR MONEY” steckt ein gnomiger Kopffüssler in Turnschuhen von Nike und Adidas. “MACHT GLÜCKLICH” präsentiert einen grinsend winkenden Frosch im Schneidersitz als grünnen Kommerz-Buddha. In “CrEATE yourself” frisst ein Mann in blauer Oberbekleidung sich selbst. Ein Bein ist schon zur Hälfte weg. Die Gier des Konsumenten wird unablässig durch Wunschbilder bedient. In “NOT TOO LATE!” sitzt ein fettes Schwein auf einem blauen Teppich. In “SHOP FOR YOUR SWEETIE” bekommt ein hilfloser Mensch eine Pistole in den Mund gesteckt. Damit verabschiedet sich die Künstlerin von der Ideologie des Konsumismus und plädiert für die Sinnlichkeit.

Wolken als Sehnsuchtsmotive rufen wie Werbung Wünsche hervor.

Wenn Hilde Kentane aus Plastiksackerln, die sie liebevoll “synthetisches Elfenbein” nennt, grosse Wolkengebilde unter das Dasch der “Passage” hängt, ist das ein doppeltes Spiel: mit Kultur und Natur, aber auch mit Warenästhetik und Gefühlen. Wolken lassen sich als etwas Bewegtes, Flüchtiges oder Rätselhaftes betrachten. Sie können aber auch als Gedanken an den Himmel, als Folie für Gesichterspiele oder Projektionen gesehen werden. Die Deutung der Wolken als Metapher für Sehnsucht ist die sinnfälligste. Werbung und Konsumangebote vermögen dieses Sehnsuchtsmotiv in Bedürfnissen und Wünschen immer wieder zu erzeugen und als flüchtiges Gefühlt einzulösen.

Die Weltauffassung der Romantik zeigte Interesse für Wolken, weil darin die Sehnsucht nach der Ferne und dem Unerreichbaren am besten zum Ausdruck kommt. Bei Hilde Kentane widerspiegelt der obsessive Einsatz von PlastiksackerIn einen spannungsreichen Dialog zwischen romantischer Innerlichkeit und sinnlicher Wahrnehmung der Realität. Mit ihren Wolkensulpturen erschafft sie zwar Himmelsgebilde, doch vor allem zeigt sie, was die Wolken in uns an Sehnsuchtsbildern erwecken können. Sehnsuchtsstimmungen machen ruhelos und sind nicht selten begleitet von Gefühlen der Weltverlorenheit, Wehmut und Melancholie. Sehnsucht ist ein Motiv des Lebens. Der Philosoph Ernst Bloch meinte sogar, Sehnsucht sei “der einzige, bei allen Menschen ehrliche Zustand”. Doch in der Sehnsucht bildet sich eben auch die Sucht ab. Allgegenwärtig ist der süchtige Konsum von Drogen, Alkohol, Tabak und Medikamenten. Alltag sind Spielsucht, Arbeitssucht, Fettsucht und Kaufsucht. “Ich kaufe, also bin ich”. Menschen definieren sich vermehrt über das, was sie besitzen oder am Körper tragen. Konsum und Besitz mutieren zum trügerischen Kern von Selbstwertgefühl und Selbstbestätigung. Über das Geldausgeben macht sich der eine beliebt, der andere vergisst den drückenden Alltag oder kompensiert seinen Frust. Der Blick auf die synthetischen Wolken von Hilde Kentane bringt die ganze Künstlichkeit der Warenwelt zum Vorschein, vermittelt den Bruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte – so der sehnsüchtige Wunsch nach Freiheit und Utopie die Kraft hat, die Begrenzungen der engen Konsumwelt aufzusprengen.

Plastiktüten tragen die Last der Begierde der Konsumwelt.

Was jemand isst, tauscht, anzieht und liest, findet sich zumeist erstmals in einer Plastiktüte. Plastiktüten sind universelle Zeugen der Konsumgesellschaft. Hilde Kentane, die es liebt, mit lebensnahen Materialien und Themen zu experimentieren, hat mit ihren Arbeiten die moderne Wegwerfgesellschaft im Visier. Massen von Plastiktüten und Plastikverpackungen verarbeitet die Künstlerin zu “synthetischen Artefakten”. Diese tragen doppeldeutige Titel wie KANGAROO DREAM, BE FREE AND PROFIT, CREATE YOURSELF oder PET BALL. Der künstlerische Akt entspricht den auf schnellen Effekt zielenden Plastiktaschen.

Plastiktüten begegnen einem im öffentlichen Raum in Zäunen verfangen, an Bäumen klebend oder in Gewässern treibend – ein sichtbares Zeichen dafür, dass sie als leicher und zäher Geist der Ware in der Welt unterwegs sind. Mit diesen “Plastik-Göttern”, so die Künstlerin Hilde Kentane, werde die Warenästhetik nach Hause getragen, wo in den eigenen vier Wänden fortgeschrieben werde, was jemand glauben, fühlen, hoffen, lieben und vor allem kaufen soll. Wunsch um Wunsch wird ans Licht geholt. Solange jedoch das blosse Profitinteresse die Warenästhetik antreibt, befriedigt sie nur mit Schein, macht eher hungrig als satt. Der Wegwerf-Dschungel kommerzieller Botschaften, Logos und Symbole dient der Künstlerin als Metaphern-Haushalt, um damit die Illusionen menschlicher Existenz zu befragen. Das ist der Auslöser für die über Jahre gewachsene Sammlung von Plastiktüten als synthetische Artefakte. Für sie ist Plastik ein faszinierendes Material, das zur Manipulation, zum Hand- und Kunstgriff herausfordert. Die Tüten werden zuerst zerschnitten und mit Schaumstoff gefüllt. An der Nähmaschine entstehen dann Plastikhäute für wohlgenährte Ratten oder fette Trüffelschweine. Beim Zerschneiden der Plastiktüten und Kombinieren mit anderen Materialien, wie Metall, Porzellan, Stoff, Karton oder Holz, werden die farbigen Drucke und Muster in eine neue Darstellungen überführt, welche die Manipulation der Konsumenten durch Reklamen und Waren offenlegt. Das Wissen ums Manipuliertsein fördert, so paradox dies klingt, die Bereitschaft, sich manipulieren zu lassen. Der Konsument weiss nicht, wie ihm geschieht.

Paolo Bianchi und Walter Eckermann in Ausstellungsführer “SCHAURAUSCH”